Ein schönes Sprichwort im Österreichischen lautet: Scheiß di nix, passiert da nix. Und der einzige Neujahrsvorsatz, den ich dieses Jahr zu Silvester gefasst habe, ist, etwas mehr nach diesem Motto zu leben. Es geht darum, öfter mal über seinen Schatten zu springen und sich eine gesunde „Scheiß drauf“-Haltung gegenüber gewissen Dingen anzueignen. Öfter mal zu sagen, was man denkt, öfter mal handeln, ohne sich Gedanken darüber zu machen, wie es auf andere wirkt. Etwas, worin ich bisher nicht die Beste war.
Warum machen wir uns eigentlich so viele Gedanken?
Wer mich kennt, weiß um eine meiner schlechtesten Eigenschaften: Ich mache mir über jeden Mist viel zu viele Gedanken und neige dazu, über diese Grübeleien hinweg den Bezug zur Realität zu verlieren. Ich sehe Dinge, die so einfach nicht da sind und die nur in meinem Kopf passieren. Und das hindert mich oft daran, die Dinge zu tun, die ich wirklich will oder die mich zumindest reizen. Aus Angst.
Die Angst, was passieren könnte, wenn ich dieses oder jenes mache, lähmt mich. Wird man mich wegen meiner Beine schräg ansehen, wenn ich Shorts trage? Kann ich alleine ins Kino gehen, ohne angesehen zu werden, als wäre ich ein pathetischer Freak ohne Freunde? Wird mich die ganze Firma mobben, wenn ich meinem Chef sage, dass er mir nicht immer in den Ausschnitt glotzen soll?
Und dabei tragen in der Realität tausende Frauen mit allen möglichen Figuren Shorts und keinen juckt’s, im Kino schauen alle hauptsächlich auf die Leinwand und ich habe eine weibliche Chefin, die sich null für meinen Ausschnitt interessiert.
Wenn ich so darüber nachdenke, glaube ich, dass sich mindestens 90 Prozent unserer Probleme rein in unserem Kopf abspielen.
Was soll schon passieren?
Diese Frage will ich mir in Zukunft häufiger stellen. Wenn man sich das schlimmste vorstellt, das passieren könnte, kommt man meistens drauf, dass genau gar nichts passiert, das das Leben langfristig zum Negativen beeinflussen könnte. Und wenn man zu dieser Erkenntnis gelangt – einfach drauf scheißen und machen!
Zum Beispiel habe ich letztens meinen Nachbarn im Hausflur getroffen. An sich nichts Ungewöhnliches, dass man seinen Nachbarn im Haus begegnet und daher auch nichts besonders Aufregendes. Nun ist dieser spezielle Nachbar aber einer von der attraktiven Sorte. Wir unterhielten uns ein wenig über das Donaukanaltreiben und er meinte, ich könne mich ja gerne mal anschließen, ich wüsste eh, wo er wohnt.
Da mich am nächsten Tag an Muskelkater des Todes von dem Konzert am Vorabend plagte und ich keine Lust hatte, alle halbe Stunde unter Schmerzen nach oben zu gehen und nachzusehen, ob er da ist, dachte ich darüber nach, ihm einfach ein Post-it mit meiner Nummer an die Tür zu kleben.
Wie immer dachte ich mir: Kann ich das bringen? Kommt das nicht doof?
Und dann dachte ich mir: Was soll passieren? Der Zettel könnte runterfallen. Ein anderer Nachbar könnte ihn finden. Er könnte mich für einen Freak mit Stalkertendenzen halten (und damit absolut Recht behalten).
Und all das hätte null Einfluss auf mein restliches Leben. Wenn der Zettel runterfällt, besteht noch immer die Chance, dass er ihn aufhebt und doch noch sieht. Die anderen Nachbarn sind entweder Familien oder sprechen eh kein Deutsch, also könnten sie damit mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts anfangen. Und wenn er mich für einen Freak hält, ja mei. In dem halben Jahr, in dem wir hier wohnen, sind wir uns zweimal durch Zufall begegnet. Und die vier Mal im Jahr halte ich eine komische Stimmung schon aus. Also scheiß di nix und mach’s einfach!
Und jetzt ratet, wer am Morgen darauf eine nette Nachricht am Handy hatte 😉
Scheiß di nix, passiert da nix
Nun ist Silvester ja schon eine Weile her und ich bin natürlich nicht komplett zufrieden mit meiner bisherigen Leistung, aber ich bin stolz auf meine Fortschritte, denn ich sehe eine Veränderung. Wenn ich jemanden treffen will, frage ich denjenigen und vertraue darauf, dass er mir schon sagen wird, wenn er keinen Bock drauf hat – und wenn dem der Fall ist, freue ich mich, dass ich am Abend zumindest nicht Bachelor in Paradise verpasse.
Wenn ich Lust darauf habe, zwischen zwei Vorlesungen auf einen Kaffee zu gehen, dann mache ich das, auch wenn niemand mitgeht. Wenn es heiß ist und Shorts so viel feiner wären als lange Hosen, verdammt noch mal, warum sollte ich sie nicht tragen? Gut, ich bin generell jemand, der lieber Kleider trägt, aber ihr wisst, was ich meine. Und wenn ich für das coole Urlaubsfoto mal vor hundert glotzenden Touris schräg posieren muss? Dann tu ich das eben. Und ist in diesen „Scheiß drauf“-Momenten jemals etwas richtig Negatives passiert? Nein. Eher im Gegenteil.
Ich habe festgestellt, dass es sich wirklich angenehmer lebt, wenn man sich in den richtigen Momenten weniger Gedanken macht. Manchmal führt es auch wirklich zum erwünschten Ergebnis, wie die Sache mit meinem Nachbarn gezeigt hat – und selbst wenn nicht, die coolste Sau im Freundeskreis wäre ich wegen dieser Aktion nun trotzdem 😉
Also: Scheißts euch nix!
Eure Julie,
Die mit dem roten Lippenstift
Kay
• 6 Jahren agoSuper Beitrag, Hut ab! Ich muss sagen, mir fällt es so gar nicht schwer nach diesem Motto zu leben, mir ist es schon immer egal, was Andere von mir denken… Ich mag ja auch nicht Jeden , also muss mich auch nicht Jeder mögen 🙂 Bei Konflikten macht grundsätzlich der Ton die Musik, aber bevor ich etwas runterschlucke und mich dann anschließend ewig darüber ärgere, kläre ich die Dinge lieber gleich.
Schwierig wird es, finde ich, wenn es darum geht, mal etwas Neues auszuprobieren, wenn man eigentlich grundsätzlich sehr zufrieden ist mit der aktuellen Situation. Da könnte auch ich noch etwas mutiger werden, denn manchmal braucht es Veränderung im Leben, sonst bleibt man stehen und kommt vielleicht nie mehr voran…
Liebe Grüße, Kay.
http://www.twistheadcats.com
Julie
• 6 Jahren agoDanke liebe Kay! Sehr schöne, klug gewählte Worte, denen ich absolut nichts hinzuzufügen habe 🙂
Alles Liebe,
Julie